Wenn´s einfach wär, würd´s jeder machen – Petra Hülsmann

Traum und Albtraum liegen nicht nur sprachlich gesehen nah beieinander

Ach, das Lehrerleben kann so schön sein, wenn man an einer Schule wie dem Werther-Gymnasium unterrichtet. Dort sind die Kinder wohlerzogen, und man hat absolut keinen Stress. Und dann noch sechs Wochen Sommerferien. Ich hab mir eindeutig den richtigen Job ausgesucht, denkt Anni. Doch das ändert sich schlagartig, als Schulleiter Dr. Friedrich ausgerechnet Annika Paulsen auserwählt an der schlimmsten Brennpunktschule Hamburgs als Feuerwehrkraft zu unterrichten. Anni ist alles andere als begeistert und würde lieber heute als morgen zurück in die altehrwürdigen Mauern des Elite-Gymnasiums, denn mit den Kids von der Astrid-Lindgren-Schule ist sie total überfordert. Doch wie soll sie das anstellen?

Buch auf Teller neben Zuckerbonbons und getrockneten Rosen

»›Hier und da gibt es Fälle von Waffenbesitz und Drogenkonsum beziehungsweise Dealerei, aber ein Problem im größeren Stil ist das nicht. Na ja, und das Übliche. Die typischen Verhaltensauffälligkeiten, gelegentliche Schlägereien und Vandalismus. Sie kenne das ja.‹ Äh … nein.«

Ihre ehemaligen Kollegen meinen zu wissen, warum es ausgerechnet Anni getroffen hat. Statt sich zu engagieren und beispielsweise eine AG auf die Beine zu stellen, hat sie sich ein schönes Leben gemacht mit minimalen Einsatz.

Ein Plan muss her

Anni geht ein Licht auf. Kurzerhand beschließt sie eine Musical-AG zu gründen und mit dem aufgeführten Stück gleichzeitig auch noch den Schultheaterpreis abzuräumen, um sich unentbehrlich zu machen. Ihre hilfsbereiten neuen Kollegen sind sofort Feuer und Flamme mit in das Projekt einzusteigen. Allerdings hat Anni bei ihrem super-genialen Plan eine Sache vergessen: die Kinder. Schließlich hat sie hier nicht die hochbegabten und ihr Leben lang geförderten Akademiker-Kinder vor sich, sondern die desillusionierten Kids aus Ellerbrook – dem Stadtteil Hamburgs mit der höchsten Arbeitslosenquote. Eins ist klar, Anni braucht dringend professionelle Hilfe.

»Manchmal kannste nix machen außer weiter.«

Blöd nur, dass alle potenziellen Unterstützer Hamburgs bereits mit anderen Projekten ausgebucht sind. Letztendlich bleibt nur eins: Anni muss ihre Jugendliebe Tristan um Hilfe bitten. Denn der ist inzwischen berühmter Theaterregisseur. Anni himmelt Tristan förmlich an, und kein anderer Mann hat eine wirkliche Chance. Er war der Einzige, der Anni auf ihrer ersten Schule nicht gemobbt hatte, nur weil sie klassische Musik liebt und gerne Pflanzen bestimmt. Er war der Einzige, der mit ihr geredet hatte. Er muss einfach ja sagen. Dabei denkt Anni nicht nur an den Preis, sondern in erster Linie an eine zweite Chance und ein Happy End. Doch Tristan lässt sich nicht so leicht überzeugen wie gedacht…

» […] Mesut […] setzte einen besonders coolen Checke-Blick auf. ›Ey, yo, Bruder, was geht? Wir machen Musical, Digger, also komm vorbei und check das aus.‹«

Mr. Apfelteiler-Dampfreiniger-Entsafter

Anni ist nur darauf fokussiert, endlich diese Albtraumschule verlassen zu können. Dabei sind die Musical-AG und vor allem die Schüler nur Mittel zum Zweck. Dass das nicht wirklich die feine englische Art ist, wird ihr erst bewusst, als ihr Nachbar Sebastian sie darauf hinweist. Sebastian und Kai sind die Nachbarn von Nele und Anni. Sie haben die beiden bei ihrem Einzug praktisch mitgemietet. Sebastian war früher auch auf der ALS und hat daher eine ganz andere Sicht auf die Dinge.

Doch seit kurzem hat Anni auch eine andere Sicht auf Sebastian. Manchmal hat sie das Gefühl er würde sie mit diesem ganz besonderen Blick anschauen, und auch ihr Herz setzt mal gerne einen Schlag aus, wenn die beiden alleine sind. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, versucht sie sich einzureden. Schließlich weiß sie ganz sicher, dass Tristan der eine für sie ist. Sebastian habe nur die gleiche Wirkung auf sie, wie diese ganzen auf den erste Blick praktisch erscheinenden Tchibo-Artikel, die sich in ihrem Küchenregal türmen, an denen sie jedoch ganz schnell das Interesse verliert.

»Sebastian sah mich völlig unbeeindruckt an. ›Ja, aber das, was dich an deinen Kindern so nervt, ist doch genau das, was du ihnen auch entgegenbringst: Desinteresse und Motivationslosigkeit.‹«

Anni zwischen den Stühlen

Trotz ihrer Ambitionen von dieser Schule wegzukommen, wachsen ihr die Kids immer mehr ans Herz, ohne dass sie etwas dagegen tun könnte. Seit sie sich an Sebastians Ratschlag gehalten hat, macht der Unterricht sogar Spaß und ihre Chaoten entwicklen sich in eine tolle Richtung. Heaven-Tanita und die anderen beginnen zu einer Gemeinschaft zusammen zu wachsen, statt sich gegenseitig herunterzuziehen. Die Kids beginnen ihr ans Herz zu wachsen.

»›Und außerdem, wenn wir unsere Träume nicht mehr haben, was bleibt uns denn dann? Dann haben wir doch gar nichts mehr.‹«

Allerdings lässt sie die Probleme der Kids zu sehr an sich heran und macht sie zu ihren eigenen. Für sie ein weiterer Grund, dass sie für solch eine Schule nicht geeignet ist. Um Meikel jedoch macht sie sich massive Sorgen, dass etwas nicht stimmen könnte. In ihrem Kopf ist sie jedoch ständig mit ihrem Liebesleben beschäftigt – Sebastian, Tristan, Tristan, Sebastian – , sodass sie Meikels Zeichen nicht richtig deutet. Ist Sebastian tatsächlich nur Mr. Apfelteiler-Dampfreiniger-Entsafter, oder lebt Anni auf Tristan bezogen noch in ihrer Teenager-Welt?

»›Ey, Frau Paulsen?‹, fragte Heaven-Tanita. […] ›Welchen wollen sie denn jetzt eigentlich? Sebastian oder Tristan?‹«

Ein Buch zum entspannen

Benachteiligte Kinder aus dem sozialen Brennpunkt, eine vom Mobbing gezeichnete Hauptfigur, ein waschechter Hamburger Taxifahrer im Hell´s Angels Outfit namens Knut,… Petra Hülsmann hat in ihrem neuesten Roman wirklich nicht mit Klischees hinterm Berg gehalten.

»Es war ganz klar, warum [Heaven-Tanita] zweimal bei The Voice Kids gescheitert war. Sie klang wie eine Mischung aus Kreissäge, verzweifeltem Werwolf und Shakira im Stimmbruch.«

Einerseits sorgt das natürlich für viel Abwechslung, andererseits ist es schade, dass dadurch der Raum fehlt, die einzelnen Charaktere näher kennen zu lernen. Dieses Durcheinander wird allerdings davon aufgefangen, dass sich das Buch entspannt lesen lässt, da der geneigte Leser schon relativ früh erkennt, in welche Richtung die Geschichte führen wird. Dadurch aber kann man zumindest beim Lesen wunderbar entspannen und wird trotzdem gut unterhalten.

»›Hat hier jemand den Terminator obduziert?‹, fragte ich erschrocken. Nele lachte. ›Nein, nicht den Terminator. Sebastian hat den Toaster auseinandergenommen.‹ ›Aber warum dieses Massaker? Er war doch noch so jung.‹«

Dialoge wie dieser halten das Buch lebendig und zaubern ein Lächeln auf das Gesicht. Auch das Spannungsdreieck zwischen Anni, Tristan und Sebastian ist Hülsmann klasse gelungen. Ich allerdings hätte mir nach einem so sorgsam aufgebauten und langen Spannungsbogen eine aufregendere Auflösung gewünscht.

Alles in allem kann ich das Buch als Sommerlektüre nur empfehlen. Hamburgliebhaber werden dieses Buch verschlingen. Denn von Kneipen über Cafés und Sehenswürdigkeiten wurde kaum etwas ausgelassen und detailreich beschrieben.

Sofort bestellen bei Bastei Lübbe! ISBN: 978-3-404-17690-8

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